"Das Schicksal will es anders und ihm müssen wir uns beugen"
Vier Briefe von Christian Hansen an seinen ältesten Sohn Fritz
1. Brief (1. März 1945)
Mein lieber Fritz
Wenn ich auch nicht gewiß weiß, ob Du konfirmiert wirst in diesem Jahr und wann die Konfirmation ist, so soll Dir doch gleichwohl dieser Brief die Glückwünsche zur Konfirmation bringen. Es muß bei den Segenswünschen bleiben, denn schenken kann ich Dir leider gar nichts.
Mein lieber Fritz, ich hatte immer gehofft, wenigstens an diesem Tage bei Euch sein zu dürfen. Das Schicksal will es anders und ihm müssen wir uns beugen. Der Tag der Konfirmation ist ein tiefer Einschnitt im Leben eines jeden Menschen. Er schließt die Jahre der Kindheit ab, die in Regel dadurch gekennzeichnet ist, daß man sie im Elternhause verbringt. Was das für ein Glück ist, erkennt man erst viel später, wenn man die schützenden Wände des Elternhauses verlassen hat und alleine steht. Dann erst bekommt das Wort "zu Hause" einen tiefen Sinn.
Du kommst nachher ja noch nicht in einen Beruf, sondern bleibst zunächst zu Hause und gehst weiterhin zus Schule. Wenn aber in Deinem Fall alles beim alten bleibt, so wirst Du doch immer älter und in den Jahren, in denen Du jetzt bist, wandelt sich der Mensch innerlich und äußerlich. Äußerlich ist das gekennzeichnet dadurch, daß Du größer und stärker wirst, eine tiefere Stimme bekommst usw. Aber auch innerlich ändert man sich. Du wirst es selbst gemerkt haben, daß Du manchmal in einer ganz eigenartigen Stimmung bist, und auch Deine Ansichten über viele Dinge werden anders, als sie vor Jahren waren. Über viele Fragen kann man sich bei anderen Menschen Rat holen, über anderes muß man sich schon selbst Klarheit verschaffen. Das kostet oft schwere innere Kämpfe. Und dann ist es ja auch immer so: Du kannst Dir wohl Rat holen, handeln mußt Du aber nachher selbst.
Meine erste und höchste Mahnung an Dich: Halte Dich rein! Innerlich und äußerlich. Es ist für einen ordentlichen Menschen selbstverständlich, daß er sich wäscht und dadurch den Körper von Schmutz befreit. Es ist ebenso selbstverständlich, daß er seine Kleidung, Schuhzeug und Wäsche in Ordnung hält. Abr es gibt auch innere Reinheit. Was das ist, kann man brieflich so schwer ausdrücken. Man muß das fühlen. Sieh Dir einmal ein Bild an, wie eine Mutter ihr Kind säugt. Das ist Reinheit. Die Augen der Mutter strahlen unendliche Liebe und Güte zu ihrem kleinen Kind aus. Die klaren Augen des Babys aber wissen noch nichts von allem Schlechten in der Welt. Oder höre Dir ein altes Volkslied an, auch das ist rein. Wenn Du damit die amerikanische Jazzmusik vergleichst, die mitunter im Radio gespielt wird, oder aber auch die deutschen Tanzschlager, die nur auf die grobe häßliche Sinnlichkeit eingestellt sind, dann wirst Du selbst den Unterschied spüren.
Lieber Fritz, Du wirst später mit vielen Männern und Frauen zusammen kommen. Halte Dich nicht an die, die Tanz, Wirtshausbesuch als das Schönste ansehen. Halte Dich an die, die ruhig und ohne große Worte ihre Arbeit tun, an die Fleißigen. Die Fleißigen sind meistens auch die Reinen. Sie arbeiten auch nicht nur, um damit Geld zu verdienen und um dadurch im Leben vorwärts zu kommen - so lobenswert das auch sonst ist, sie arbeiten, weil die Arbeit ihnen Freude macht. "Müßiggang ist aller Laster Anfang."
Mein Fritz, das was ich Dir eben alles verboten habe, sieht oft so schön und verlockend aus. Und Du könntest nun auf den Gedanken kommen, ich wollte Dir alles Schöne und alle Freude verbieten. Das Gegenteil ist der Fall. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen viel viel Freude. Du hast in Deiner Kindheit schon so viel Leid erfahren müssen, daß Du ein Anrecht darauf hast. Aber suche diese Freuden an der rechten Stelle. Nur dann sind es Freuden, die erheben und stärken.
Dein Vater
2. Brief (9. März 1945)