Peter Hansen


Christian Hansen 1945



Sanitätsgefreiter Christian Hansen
Sanitätsgefreiter, Gefangenschaft, Arbeitslager, Tod


Ich bin im Juni 1941 geboren, mein Vater Christian war da 38 Jahre alt. Eine sichere Erinnerung an meinen Vater habe ich nicht, aber ein schemenhaftes Bild vor Augen, wie ich als kleiner Junge an unserem Wohnzimmertisch stehe und mein Vater sich von der Familie verabschiedet. Das müsste 1944 gewesen sein, ich war drei Jahre alt. Es wäre dann auch das letzte Mal gewesen, dass Christian seine Famlie gesehen hat. Sein letztes Lebenszeichen ist sein Brief vom 8. April 1945. Danach gilt er als "vermisst".
"Das Warten auf die Heimkehr von Christian war das Schlimmste", schreibt meine Mutter 1977 rückblickend. Auch ich wünschte mir als Kind nichts sehnlicher, als einen Vater zu haben. Zugleich aber war da die kindliche Befürchtung, dass er "Rivale" in der Beziehung zu meiner Mutter sein würde.


Aus "vermisst" wurde zunehmend die Wahrscheinlichkeit seines Todes. Erst 1997, nach 42 Jahren, jedoch die Gewissheit, dass er am 3. Oktober 1945 in Kowel, Sowjetunion gestorben ist.

Christian Hansen ist seit 1935 Volksschullehrer in Schalkholz, Kreis Norderdithmarschen in Schleswig-Holstein. Geboren 1902, hat er keinen Wehrdienst geleistet und ist bei Beginn des Zweiten Weltkrieges zu alt, um gleich als Soldat eingezogen zu werden. 1943 jedoch wird er Soldat. Schon in Schalkholz hat er Schulungen als Sanitäter begonnen, er wird vermutlich deshalb zum Sanitätssoldaten beim Heer ausgebildet und wohl Anfang 1944 an der Ostfront eingesetzt. Ende 1944 ist er der Heeresgruppe A (ab Januar 1945 umbenannt in Heeresgruppe Mitte) zugeteilt, die den Auftrag hatte, Südpolen und die Slowakei zu verteidigen. Im Februar 1945 ist er in Myslowitz stationiert. Myslowitz liegt bei Kattowitz in Oberschlesien.

Nach Beginn der der sowjetischen Winteroffensive im Januar 1945 dringt die Rote Armee bis an die Oder vor, die Heeresgruppe Mitte zieht sich hinter die böhmisch-mährischen Gebirge (Iser-Gebirge, Riesengebirge und ihre südlichen Fortsetzungen) bis zur Slowakei zurück. Im Februar ist Christian Hansen in der Nähe einer Stadt in dem heutigen Tschechien stationiert.

"Nun will ich Dir ein wenig von der Stadt erzählen. Im Ausland ist natürlich vieles anders als in Deutschland. In fast allen Städten gibt es mehrere Kirchen, alles katholische. Die Leute gehen hier sehr viel zur Kirche, nicht nur am Sonntag. Bei uns sind die Kirchen verschlossen. Hier kann man zu jeder Tageszeit hinein gehen. Viele gehen morgens hinein, knien vor dem Altar, verrichten ein Gebet und gehen dann an ihre Arbeit. Dabei tragen sie natürlich ihre Arbeitskleidung. Sonst gehen die Leute durchweg besser in Zeug als bei uns.
Sie haben vom Krieg auch noch nicht viel gemerkt (...) Beim Barbier sind fast überall Drehstühle. Man wird da noch bedient mit Kölnisch Wasser, Hautcreme, Haarwasser usw. Dabei ist es billiger als bei uns (...) In Polen schminkten die Frauen sich sehr stark, das tun sie hier nicht. Die Tschechen sind größer und stattliche Menschen. Die Häuser sind eben so sauber wie bei uns und die Schulen bedeutend besser eingerichtet als bei uns." (Brief vom 9.März 1945)

Dass er damit der NS-Ideologie vom slawischen Untermenschen widerspricht, ist evident und das will er sicherlich auch seinem Sohn vermitteln. Aus welcher Stadt er schreibt, geht aus dem Brief nicht hervor. Sie liegt hinter der Front, von der Lazarettzüge mit Verwundeten kommen, um die er sich als Sanitäter kümmert. Eine anstrengende Arbeit, aber er ist wenigstens nicht an der Front.

Es bleibt ihm Zeit, lange Briefe zu schreiben. Vier Briefe an sein ältesten Sohn sind erhalten, Andreas Hansen hat sie mir aus dem Nachlass seiner Eltern Fritz und Eva Hansen 2017 überlassen. Sie sind in dieser Familienchronik abgedruckt: 1. Brief (1. März), 2. Brief (9. März), 3. Brief (16. März), 4. Brief (8. April).

Fritz ist 1930 geboren, wird also 15 Jahre alt. Er soll konfirmiert werden. Fritz ist schwer krank gewesen. 1943 springt ihm ein Beingelenk aus der Hüftschale. Er wird 9 Monate eingegipst (aus heutiger Sicht ein schwerer Fehler). 1944 springt auch noch das andere Gelenk heraus. Ob er 1945 konfirmiert werden kann, ist zunächst unsicher, vielleicht wegen seiner gesundheitlichen Probleme, wohl eher aber wegen der englischen Fliegerangriffe, denn auch die Schulen sind aus diesem Grund geschlossen worden.

"Mein lieber Fritz, ich hatte immer gehofft, wenigstens an diesem Tage bei Euch sein zu dürfen. Das Schicksal will es anders und ihm müssen wir uns beugen", schreibt sein Vater am 1. März 1945 an seinen Sohn. Auf zwei eng beschriebenen Seiten gibt er Fritz anläßlich der Konfirmation, die "ein tiefer Einschnitt im Leben eines jeden Menschen" ist, denn er "schließt die Jahre der Kindheit ab", sehr grundsätzliche Ratschläge für sein weiteres Leben. Zu spüren ist seine Befürchtung, dass er ihm als Vater später nicht zur Seite stehen könnte.

Daneben die große Hoffnung auf baldige Rückkehr, die er im Brief vom 8. April äußert: "Vielleicht komme ich ja auch noch im Laufe des Sommers und helfe Euch. Oder geht der Krieg noch nicht so schnell aus?"

Der Krieg geht dann schnell aus, aber es kommt alles anders als gehofft.

Am 16. April beginnt die letzte sowjetische Großoffensive. Die Ostfront bricht ohne nennenswerten Widerstand zusammen. "In einem Kessel nordöstlich Prag eingeschlossen, ging die gesamte Heeresgruppe bei Kriegsende in sowjetische Kriegsgefangenschaft." (Wikipedia) Die Kapitulation der Heeresgruppe West erfolgt allerdings später als die Teilkapitulationen der anderen deutschen Heeresverbände: Erst nachdem der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe West, Ferdinand Schörner, der „blutige Ferdinand“, der als „der brutalste von Hitlers Feldmarschällen“ gilt, am 9. Mai mit einem Teil der Heereskasse in Privatkleidung in seinem Flugzeug geflohen ist. (Lexikon der Wehrmacht)

Die deutschen Kriegsgefangenen werden in großen Lagern untergebracht. Christian Hansen kommt im Mai 1945 in das Internierungslager Elsterhorst bei Hoyerswerda.

Von dem Lager stehen noch die Sanitätsbaracken, das eigenlich Lager ist heute Flugplatz. In einer Baracke ist ein Museum untergebracht, das die Geschichte des Lagers dokumentiert. Das Museum ist auch im Internet präsent: www.elsterhorst.de.

Monika und ich besuchen diese Außenstelle des Museums Hoyerswerder am 17. August 2018.


Hat Christian Hansen, Sanitätsobergefreiter, in dieser oder einer anderen Sanitätsbaracke gearbeitet? Es ist wahrscheinlich, denn die sowjetische Armee hat hier deutsche Ärzte und Sanitäter eingesetzt.

Das Lager wurde schon zu Friedenzeiten 1937 [!] als Kriegsgefangenenlager geplant und in den Folgejahren gebaut. Es waren zunächst Kriegsgefangene aus Polen und der Tschechoslowakei untergebracht.


Es gibt auch ein Luftbild der Allierten von 1944.

Das Lager wird am 20. April 1945 von sowjetischen Truppen erobert, im Lager befinden sich damals 2886 Russen und 534 Franzosen.
Vom 24. April bis 20. Oktober 1945 ist es dann sowjetisches Kriegsgefangenenlager für deutsche Soldaten. Das Lager mit 40 Baracken wird unerträglich überfüllt, zeitweise sind 70.000 Menschen untergebracht.


"Die Unterbringung erfolgte teilweise in den noch vorhandenen Baracken, teilweise in eiligst aufgestellten Zelten und in der freien Natur. Wöchentlich wurde gewechselt, so daß jeder auch einmal in eine der Baracken gelangte. Verpflegung gab es vorerst keine. Wasser mußte aus dem Graben entnommen werden. Täglich wurde gezählt. Wenn es nicht stimmte, standen die Gefangenen bis zu fünf Stunden auf den freien Plätzen.
Nach einer Anlaufphase erhielten die Kriegsgefangenen ab Anfang Mai täglich 120 Gramm Brot und zwei Mal am Tag einen Liter heißes Wasser mit Graupen, Gemüse oder sogar ein paar Kartoffeln. Als Toilette dient ein ca. 20 Meter langer und 2 Meter tiefer Graben, an dem ein sogenannter Donnerbalken mit einer Stütze zum Festhalten angebracht war. Hier fanden bedauerlicherweise viele Kriegsgefangene den Tod. Sie fielen vor Schwäche rückwärts vom Balken in die Grube, aus der keiner mehr gerettet werden konnte." (Zeitzeugenbericht)

"Die ersten Monate waren die Namen der Gefangenen nicht registriert. Somit auch nicht die Namen der Toten. Es konnte also nur die Anzahl der Verstorbenen von der russischen Verwaltung festgehalten werden. Mitte Juli begannen die Abtransporte. Am hinteren Lagerausgang, in Richtung Osten, wurden Gefangene durchsucht und in Waggons geladen. Es waren immer zehn Hundertmannschaften. Also 1000 Mann pro Zug. Das beobachtete ich bis August 1945."
(Zeitzeugenbericht)

Das Deutsche Rote Kreuz hat in den 1950er Jahren zurückgekehrte Soldaten nach vermissten Kameraden befragt und dafür Angehörige gebeten, Fotos einzuschicken. Auf diesen Fotos wurde Chrstian Hansen von Gefangenen, die im Lager Elsterhorst waren, erkannt. Da aber andererseits die Nachfrage bei den sowjetischen Stellen ergab, dass Christian Hansen nicht registriert war, schloss der Suchdienst des DRK daraus, dass er wohl gestorben sei, bevor er registriert wurde. Dies teilte er 1976 Marie Hansen mit. Vermutlich war jedoch ein Übermittlungsfehler beim Geburtsort (Haferholz statt Haveholz) schuld, dass er in den sowjetischen Akten nicht gefunden wurde.

In einem der beschriebenen Transporte wird er Mitte Juli / Anfang August 1945 nach Kowel gebracht. Kowel liegt in der heutigen Ukraine. Bis 1939 ist es polnisch, durch den Hitler-Stalin-Pakt wird es der Sowjetunion zugeschlagen. 1940 erobern es die deutschen Truppen, es wird ein Gefangenenlager für sowjetischen Soldaten eingerichtet (Stalag 301, von 9/1941 bis 9/1942). "Die jüdischen Gefangenen wurden gleich erschossen". (Zeitzeugenbericht). 1942 werden die 17.000 Juden der Stadt ermordet (die Hälfte der Einwohner). Nach der Rückeroberung 1944 durch Rote Armee wird Kowel der Ukrainischen SSR zugeordnet. Die verbliebenen polnischen Einwohner, d.h. der ganz überwiegende Teil der noch vorhandenen Bevölkerung, wird nun vertrieben und wohl - wie die Polen aus Lemberg - nach Niederschlesien umgesiedelt, wo wiederum die deutschen Bevölkerung gerade vertrieben worden ist.

Kowel ist ein Eisenbahnknotenpunkt insbesondere für den Güterverkehr, sechs Eisenbahnlinien gehen sternförmig von der Stadt aus. Nach der Rückeroberung haben die Sowjets begonnen, das Eisenbahnwesen zu reparieren, um- und auszubauen. Die von den Deutschen gemachte Umrüstung von der russischen Breitbahn auf Normalspur wird rückgängig gemacht und ein Güterbahnhof neu gebaut. Außerdem ist Kowel ein Zentrum der Holzverarbeitung.

Dafür und für andere Arbeiten werden jetzt deutsche Kriegsgefangene eingesetzt. Darunter Christian Hansen. Sie sind nicht in normalen Kriegsgefangenlagern (MVD-Lagern) untergebracht, sondern Arbeitsbataillonen (ORBs) zugeteilt. Es gibt keine (oder nur wenige) Baracken für die Gefangenen, sie nächtigen in Güterwagons, schlafen auf mit Schilf bedeckten Holzpritschen. Zu den Arbeitplätzen müssen sie oft lange Fußmärsche machen, ihnen sind hohe Arbeitsnormen vorgegeben, die Ernährung ist miserabel, dazu herrschen schlechte hygienischen Bedingungen und mangelhafte medizinische Versorgung. Die Arbeitsbataillone sind Teil des "GULAG"-Systems (vgl. dazu Alexander Solschenizyn: "Archipel Gulag"). "Die Sterblichkeit lag hier um das Fünffache höher als in regulären MVD-Lagern..." (Kriegräber Ukraine).

Christian Hansen stirbt hier am 3. Oktober 1945.

Am 29. August besuchen wir mit unserem Wohnmobil Kowel. Kowel liegt gut 50 km hinter der ukrainischen Grenze zu Polen. Zu sehen, in welcher Umgebung mein Vater die letzten Wochen verbracht hat, war mir sehr wichtig. Wir haben zunächst überlegt, etwas länger in der Ukraine zu bleiben. Die Armut, die wir in Kowel vorfinden und die mangelde Infrastruktur für Wohnmobilisten hält uns davon ab. Wir fahren also am selben Tag zurück.

Wir sind also nur einige Stunden in Kowel gewesen. Wir wussten von der Internetseite "Kriegsgräber Ukraine", dass es ein Gräberfeld mit ca. 2000 Toten "zwischen der ul. Brest und der ul. Watutin, und zwar auf dem Gelände zwischen dem Militärobjekt und dem Holzverarbeitungskombinat" gibt. Wir stellen das Wohnmobil bei einer Tankstelle an der Straße nach Brest (Weißrusslund) ab. Monika bleibt aus Sicherheitgründen beim Wohnmobil und ich mache mich in dem gut eine Kilometer breiten Gelände zur Watutin-Straße auf die Suche, finde schließlich die Ruinen des Militärlagers direkt an der Watutin-Straße, umgeben von hohen Zementplatten. Etwas südlich davon, ebenfalls umgeben von Zementplatten, liegt eine Holzverarbeitungsfabrik. Dazwischen leere Flächen.




Hier also liegt Christian Hansen irgendwo begraben.

Man kann dieses Gelände auch auf Google-Map einsehen (der Link funktioniert nur auf größeren Bildschirmen!): Oben die rötliche Holzverarbeitungsfabrik, unten die zerstörten Militärgebäude und dazwischen die wüste Fläche, das Massengrab.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bettet seit einigen Jahren alle Toten, die der Volksbund im Lemberger Gebiet (Westukraine) bergen kann, in einer zentralen Gedenkstätte um. Sie liegt am Rande des Dorfes Potelitsch (Potelych, Potylicz), ca. 150 km südlich von Kowel und ca. 70 Km nordwestlich von Lemberg (Lwiw). Auf der Gedenktafel ist Christian Hansen bereits aufgeführt, irgendwann wird er auch dorthin umgebettet.